Biberwurst und ein Ausflug an die russische Grenze

Die Anreise zum Lubans-See geht recht schnell vorüber – die Suche nach Sabine und Friedrich gestaltet sich da schon schwieriger… Wie bereits erwähnt, hatte ich von den beiden keine Adresse, sondern nur das verheißungsvolle: „Frag‘ am Lubans-See nach den Deutschen…“ Hier hat mir dann in der Tat mein Russisch aus der Schule weitergeholfen und nach zwei Stunden habe ich die beiden gefunden und wurde herzlich aufgenommen. Nach einer ausgiebigen Dusche verteile ich meine Ingwer-Kekse aus Litauen, wir sitzen mit den fünf Kindern auf der Veranda und reden über ihre Anfänge als Landwirte in Estland vor 18 Jahren. Zum Abendbrot gibt es eine erfrischende Rote-Beete-Suppe, Elch-Salami und Biber-Wurst. Ja, Biber-Wurst… In Estland dürfen die Nager gejagt werden und da Friedrich zur Jagd geht, wird der Biber gleich verwurstet.

Im übrigen ist alles, was es an diesem Abend gibt, selber gemacht – sogar das Brot.
Den Abend beschließen wir mit Amaretto und Zigarren am Lagerfeuer.

Aber zurück zur Biber-Wurst: den Geruch kann ich nur schwer beschreiben. Irgendwie dumpf… Geschmeckt hat sie dennoch. :-)

Am nächsten Morgen werde ich mit den besten Grüßen zu Achim geschickt. Dieser wohnt 130 km weiter an der russischen Grenze und wird mir das Grenzland und seinen Hof zeigen.

Die Straße an die russische Grenze schlängelt sich wie eine silberne Schlange durch immergrüne Wälder, die selbst um die Mittagsstunde im inneren nachtschwarz sind. Schwarz-befrackte Störche stolzieren majestätisch die Straßenränder auf und ab und lassen sich von den nur noch hin und wieder auftauchenden Autos nicht aus der Ruhe bringen.
Nach einer Weile taucht zu meiner rechten der erste lettische Wachturm auf. Auf einem Metallgerüst trohnt ein weißer Holzverschlag und in ihm blickt eine Kamera nach Osten. Keine 100 Meter weiter auf russischer Seite steht ein ebensolcher Turm mit einem grünen Häuschen und blickt nach Westen.

Achim erwartet mich bereits und führt mich über seinen Hof.

Er betreibt Ackerbau und kann in seinen Trockensilos 3.500 Tonnen Getreide aufbewahren. Die Ernte steht vor der Tür, die Silos sind leer und wir betreten eines: schön warm… Anschließend führt er mich durch die Werkstätten, sein neues Blockhaus, das er gerade bauen lässt und wir schwatzen über Spritztechniken, Drillmaschinen und er zeigt mir den dunklen Belag in einem seiner mobilen Tanks: Dieselpest. Der Tank ist ein Regenwasserbehälter den sie in der Erntesaison aus dem Haupttank befüllen und auf‘s Feld stellen, damit die Fahrzeuge vor Ort betankt werden können.

Anschließend gibt es Pfannkuchen mit Honig und er fährt mich direkt an die russische Grenze, bzw. an den Zaun, den die EU finanziert hat.

Alleine wäre ich hier nie hinekommen, weil mich eine der Grenzpatroullie abgefangen hätte. Sein Fahrzeug kennen die Grenzer und da seine Felder auch direkt an der Grenze liegen, darf er hier ungestört fahren. Dichter an die Grenze geht wohl kaum: GPS 56.951945, 27.740762

Auf dem Rückweg frage ich ihn, welche Tanksäule ich in Lettland nutzen kann: „D“ oder „D ecco“.
„Du kannst bei mir tanken. Das ist mein Abschiedsgeschenk für dich“ antwortet er und ich bin erst mal sprachlos. Wir kennen uns gerade mal fünf Stunden und das ist kein kleines Geschenk mehr…
Auf der anderen Seite fällt mir der Zustand seines mobilen Tanks ein und ich denke an die sensible Einspritztechnik meines Fahrzeuges. Ich bin hin und her gerissen: ich weiß um die Bedeutung eines Geschenks und will nicht unhöflich sein. Auf der anderen Seite möchte ich nicht mit Motorproblemen liegen bleiben. Und auch wenn ich den Zustand seines Haupttanks nicht kenne (und den meines Tanks im übrigen auch nicht) und Achim mir versichert, erst vor 14 Tagen frischen Diesel bekommen zu haben, lehne ich ab. Es ist mir sehr unangenehm, aber Achim sieht es zum Glück entspannt und wir verabschieden uns herzlich und ich fahre weiter an der russischen Grenze in Richtung Estland.