Was bisher geschah

Seit zwei Tagen stehe ich hier am Stadtrand von Merkine auf einem kleinen Parkplatz und sehe auf den Fluß. Das Wasser fließt immer nur in eine Richtung… Verrückte Welt.
Kurz nach mir kam noch eine litauische Familie hier an: Veronica und Frank mit ihrem Sohn und einem Pflegekind. Frank kommt aus Deutschland und Veronica aus Kanada. Frank hat sich hier mit einem Fahrradverleih selbstständig gemacht und auf die Frage, wie sie hier her komme, antwortet sie nur „Das ist eine lange Geschichte.“ Dafür erfahre ich dann von ihr, wie sie und Frank sich vor vielen Jahren hier in Lettland kennenlernten. Auch das ist eine lange Geschichte, aber darüber redet sie gerne. Frank fährt noch am selben Abend zurück nach Kaunas und lässt seine Familie hier. Am Sonnabend käme er wieder. Ob ich dann auch noch hier sei, fragen sie mich und ich kann es nicht genau sagen… „Ich habe am Sonnabend Geburstag, Freunde kommen vorbei und wenn du dann noch da bist, können wir alle zusammen frühstücken.“ Überredet. :-) Ich bleibe jetzt nicht ausschließlich wegen des Essens, sondern weil das für mich die beste Gelegenheit ist, Land und Leute kennenzulernen. Aber so erlebe ich natürlich auch einheimische Küche…
Danach war ich noch an einer Badestelle, die bereits von einer Frau und zwei Männern besucht war. Die drei machten einen versoffenen Eindruck und die Frau wusch sich mit Duschbad und einem Abwaschschwamm im Fluß. Danach schaufelten sie merkwürdig riechendes Essen in sich hinein, warfen die Verpackung in’s Gebüsch und torkelten in den Sonnenuntergang.
Nach so viel Lokalkolorit bin ich dann zur nahe gelegenen Ausgrabungsstätte gelaufen, erklomm über morsche Holzstufen einen Hügel und fand keine Ausgrabungsstätte. Dafür aber einen tollen Ausblick über die Memel und ihren Zulauf.

Heute morgen um 9 Uhr war es im Bus bereits so warm, dass ich freiwillig aus dem Bett geflutscht bin. Danach ging es auf einen nahe gelegenen Aussichtsturm, der zwar eine enorme Weitsicht, aber keine interessante Landschaft offenbahrte. Danach zum Einkaufen in den Ort und zwei Zucchini, fünf Aprikosen und ein Schoko-Eis später, war ich wieder zurück.
Zum Kaffe wurde ich auf ein Stück Geburtstagstorte eingeladen, die eine Freundin von Veronica mitgebracht hatte.

Danach einer Eidechse beim Sonnenbad zuschauen…

Zum Abendbrot gab es Rührei und während ich so gemütlich mein Ei in mich reinschaufel, umschwirren mich die Kinder von Veronica und Frank und brabbeln mich auf litauisch voll. Mir war klar, dass sie was abhaben wollten, aber ich hatte keinen Bock, sie jetzt auch noch mit Rührei zu füttern. Immerhin hatten sie schon meine Schokolade, drei Aprikosen, eine Packung Gemüsesaft und einen Streifen Trockenfleisch (bekommt sonst der Hund) in sich reingefuttert. Als ich fertig war, setzte sich Veronica zu mir und holt eine Dose Kidneybohnen aus der Tasche. Dazu drei Löffel… Und während ich mich noch frage, was sie damit vor hat und wie sie die ohne Kochzeug zubereiten will, rupft sie den Deckel runter und sie und die Kinder essen kalte Bohnen zum Abendbrot. Ich schäme mich für meinen Rührei-Egoismus und biete ihr an, die Bohnen auf meinem Kocher warm zu machen. Sie nimmt an, schlägt aber die angebotenen Zutaten wie Gewürze und Tomatenmark aus, weil ihr Magen übersäuert sei. Na gut, strenge Diät hat ja noch keinem Kind geschadet…
An dieser Stelle hätte mir bewusst werden können, dass das Geburtstags-Frühstück vielleicht nicht der Höhepunkt der litauischen Küche werden wird, aber diese Erkenntnis hatte ich erst ca. eine halbe Stunde später. Veronica brachte eine Plastiktüte zum Bus und erzählte mir, dass sie gerne Haferflocken äße. Diese habe sie mit Rosinen, Nelken und Zimt vermischt und ob ich morgen das heiße Wasser dafür zubereiten würde, sie ließe mir gleich alles da… Porridge?! Echt jetzt?! Egal, ich kann ja heute Nacht heimlich abhauen.

Und jetzt liege ich im Bus und frage mich, wie ich auf die Idee gekommen bin, das Frühstück könnte lecker ausfallen…?! Als Frank und Veronica das Zelt aufbauten, sind ihnen die Gemüsespieße über’m Grill verkohlt, wurden aber am nächsten Morgen trotzdem gegessen. Die Torte war lecker, wurde aber von der Freundin besorgt. Und die Kidneybohnen kann man schon mal kalt essen, wenn man unter einer Brücke wohnt. Die einzige Erklärung für meinen Irrtum bleibt ihre Körperfülle…

Beim Gang zum Klo-Häuschen sah ich dann, dass es bereits besetzt war: Mika hatte ihren Schattenplatz unter’m Auto verlassen und sich hierher zurückgezogen. Da sie nicht kam als ich sie rief, vermute ich, dass sie vor irgendwas geflüchtet ist.

Jetzt liegt sie im Bus hinter ihrem Körbchen auf den Reservereifen.

Gute Nacht.