Der Vampir

Gegen fünf Uhr heute morgen wurde ich von einem Geräusch geweckt. Hat sich angehört, als hätte jemand einen nassen Lappen gegen die Hauswand geworfen.
Ich also die schmale Stiege vom Dachboden runter und vor‘s Haus… Im gelbem Dämmerlicht der Türbeleuchtung sah ich dann die Ursache: ein bewusstloser Vampir lag neben dem Kellerfenster zwischen den Zierrosen. Da war meine Vermutung, dass ich den Dachboden nicht für mich allein hätte, also richtig. Schöne Scheiße!
Beim morgendlichen „Landeanflug“ ist er offensichtlich volle Lotte gegen die Papiertonne geflogen, die ich gestern, ohne mir etwas dabei zu denken, vor‘s Kellerfenster gestellt hatte.
Bevor jetzt die ersten kritischen Fragen kommen: „Hä, wieso Kellerfenster…?“ Ist doch logisch: abends (mit leerem Magen, also leicht) zur Dachluke raus und mit vollem Magen (schwer) zum Kellerfenster wieder rein. Simple Physik!
Aber egal, zurück zu meinem Problem. Was mache ich mit dem Vampir? Ich hatte zwei Möglichkeiten. Erstens: liegen lassen bis die Sonne kommt und ihn im Vorgarten abfackelt. Die Zierrosen kannst du danach aber vergessen und da kommen auch zu viele Beschwerden. „Och, was ist denn hier passiert?!“ „Den Gestank kriegen wir doch nie wieder weg.“ Von der damit einhergehenden Psychodynamik und den Schuldgefühlen gegenüber meinen Gastgebern will ich gar nicht erst anfangen…
Zweite Möglichkeit: ich kriege ihn irgendwie in‘s Haus. Das ist auch die Variante, für die ich mich dann letztendlich entschieden habe – war aber nicht so einfach. Zum einen hatte er sich zwischen Papiertonne und Rosen verkeilt und zum anderen hat der fürchterlich gestunken. Ich sage nur 300 Jahre ohne Dusche und frische Unterwäsche…! Erschwerend kam hinzu, dass er bei der Bergungsaktion langsam zu sich kam, rumfauchte und mich wie ein Mädchen kratzten wollte. Aber gut, wenn ich 300 Jahre allein zwischen Spinnweben und alten Holztruhen auf einem Dachboden leben würde, so ganz ohne belastbare Sozialkontakte, wäre ich vielleicht auch nicht so umgänglich.
Aber ich schweife ab… Wie also den Vampir zurück in‘s Haus kriegen? Auf youtube konnte ich nichts hilfreiches finden und so habe ich mir eine Harke geschnappt und bin in den Heizungskeller runter. Dort habe ich ihn dann durch‘s Kellerfenster gezerrt und ihm vorher zugerufen, dass ich in den letzten Tagen sehr, sehr viel Sonnenblumenkernbrot verspeist habe und vermutlich unbekömmlich wäre. In Sonnenblumenkernbrot ist ja „Sonne“ drin und diesen aversiven Reiz wollte ich für mich nutzen. Hat dann auch gut funktioniert. Irgendwann hatte ich ihn im Haus und hab‘ mich wieder in meine Kammer auf dem Dachboden verkrümelt. Das Vampire zu dumm sind Türen zu öffnen, ist ja hinlänglich bekannt und daher war ich da sicher. Nach gut einer Stunde hörte ich ihn dann über die steile Treppe nach oben steigen und in seine Ecke humpeln. Von dort rief er mir zu, dass er mir nach nach den alten Vampirgesetzen zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet sei, weil ich ihm das Leben gerettet habe und das ich keine Angst vor ihm haben müsse und überhaupt, die Sache mit dem Blut trinken sei mal ein Running-Gag gewesen der von Verschwörungstheoretikern weiterverbreitet wurde und nun nicht mehr aus der Welt zu schaffen sei. Im Prinzip ernährten sie sich von Hunde- und Katzenfutter. Falls ich da zufällig noch was übrig hätte, würde er sich freuen. Auf seinen nächtlichen Streifzügen durch die Dörfer würde er in letzter Zeit mehr Klopapier als Hunde- und Katzenfutter finden und selbst das Containern sei schwieriger geworden, weil die Discounter die Mülltonnen abschließen.
Als er eingeschlafen war, habe ich ihm eine Dose „Lamm mit delikater Jelly“ hingestellt.
Auf seine Körperpflege spreche ich ihn erst an, wenn wir uns besser kennen…