Der Mann im Tunnel

Ich sitze im U-Bahnhof Wittenau und warte. Ich warte um des Wartens willen, ich bin nicht hier um mit dem Zug zu fahren. Was kann man auf einem Bahnhof machen, wenn man nicht dort ist um in den Zug zu steigen? Die Menschen zählen? Und wenn, welche Menschen? Die großen, die kleinen, die dicken, die dünnen, die hübschen? Ach nee, hübsch geht ja nicht, ich bin ja in Reinickendorf… ;-)

Gerade steigt ein Obdachloser mit seiner großen Tasche in die Bahn um aufs Abstellgleis zu fahren. Was wird er dort machen? Schlafen? Ein Buch lesen? Die Notdurft?
Ich werde es wohl nie erfahren und diese Erkenntnis macht mich ein wenig melancholisch. Während ich noch an den zerzausten Mann mit seiner Tasche denke, fährt der nächste Zug in den Bahnhof ein und gelb wie die Sommersonne, durchbricht die nächste U-Bahn meine Gedanken. Die Türen öffnen sich mit einem Zischen und dann strömen die Menschen aus ihr heraus, drängen zum Ausgang und verschwinden in der Kälte eines Berliner Dezembertages.
Und nun bin ich wieder alleine auf dem Bahnhof. Nur ganz hinten auf dem Abstellgleis ist noch der Obdachlose mit seiner Tasche.